Bild: CHIRON-Archiv

Potenziale erkennen, die Zukunft formen

Wandel als gestaltendes Prinzip: Das ist der rote Faden, der sich von 1921 bis 2021 zieht, der fest in der DNA der CHIRON Group verwoben ist. Die Bereitschaft, sich mit den Ansprüchen der Kunden und Märkte zu verändern, frühzeitig Potenziale zu erkennen und diese konsequent zu nutzen. Oder, wie es die Geschäftsführung in ihrem Vorwort zur Jubiläums-Festschrift formuliert hat: »Das, was es erst übernächstes Jahr auf dem Markt geben wird, wollen wir am besten schon morgen haben. Denn das, was es auf dem Markt gibt, war uns schon immer nicht gut genug.«

Automotive, Aerospace, Mechanical Engineering, Medical Technology, Tool Manufacturing, Precision Technology: In diesen Branchen stellen die Fertigungszentren der CHIRON Group heute präzises, produktives und flexibles Bearbeiten sicher. Diese Kompetenz kommt nicht von ungefähr, sie ist das Ergebnis von »Kontinuität im Maschinenbau und starkem Wandel in Technologie und Produktprogramm«, so Dr. Armin Schmiedeberg, Vorsitzender des Verwaltungsrates der CHIRON Group SE.

»Bemerkenswert, wie sich CHIRON […] dreimal ein neues Produktprogramm erarbeitet: Chirurgiemechanik – Druckluftgeräte – Werkzeugmaschinen.«
CHIRON-Broschüre »Rückblicke – Die Geschichte eines Unternehmens«, 2016

Damit beginnt alles: Chirurgiemechanik
Die Gründung der »Fabriken für feinmechanische Apparate und chirurgische Instrumente GmbH« 1921 durch Otto Staebler und Gottfried Schnell verdankt sich auch der Erfindung von »Edelstahl rostfrei« 1912 und einem weiteren Patent der Friedrich Krupp AG aus 1919, das den Einsatz von rostfreiem Stahl in der Medizin erlaubt. Die beiden Gründer erkennen früh das große Potenzial dieser Materialrevolution und bieten Instrumente an, die es so vorher nicht gab: präzise, extrem scharf, stabil und problemlos zu sterilisieren. Ende der 1930er umfasst das Portfolio bereits rund 30.000 medizintechnische Produkte, CHIRON begründet mit anderen Unternehmen den Ruf von Tuttlingen als »Weltzentrum der Medizintechnik« und führt diese Produktsparte bis in die 1970er weiter.

Der Hauptkatalog Nr. 10 aus den 1930er Jahren umfasst auf 562 Seiten alles, was in Praxen und Kliniken an »zuverlässigen Helfern« gebraucht wird: rund 30.000 medizintechnische Produkte wie Wundsperrer, Aderlass-Schnäpper und  Chloroformapparate.
Der Hauptkatalog Nr. 10 aus den 1930er Jahren umfasst auf 562 Seiten alles, was in Praxen und Kliniken an »zuverlässigen Helfern« gebraucht wird: rund 30.000 medizintechnische Produkte wie Wundsperrer, Aderlass-Schnäpper und Chloroformapparate.
»Alle Mitarbeiter trugen wesentlich dazu bei, dass das Unternehmen zur Weltspitze in der Fertigung chirurgischer Instrumente zählte, wobei Präzision und der hervorragende Schwedenstahl sich ergänzten.«
Dr. Ursula Hatzelmann-Kick (geb. Schnell)
Enkelin des CHIRON-Gründers Gottfried Schnell

Was nach dem Verkauf 1977 an die Aesculap AG bleibt, ist das umfassende, über Jahrzehnte vertiefte Wissen um die komplexen Anforderungen der Branche. Dieses Wissen fließt heute in Fertigungstechnologie ein, mit der sich medizintechnische Produkte μm-genau und mit höchster Oberflächengüte reproduzierbar fertigen lassen. Beispielhaft hierfür stehen die Bearbeitungszentren precision+ der Marke CHIRON und, seit 2013, das Medical & Precision Technology Center am Stammsitz in Tuttlingen. Hier entstehen produktionsbereite Gesamtlösungen aus Bearbeitungszentren, Werkzeugen, Spannvorrichtungen und Automation.

Medical & Precision Technology Center am Stammsitz in Tuttlingen: Hier entstehen produktionsbereite Gesamtlösungen aus Bearbeitungszentren, Werkzeugen, Spannvorrichtungen und Automation für medizintechnische Produkte.
Medical & Precision Technology Center am Stammsitz in Tuttlingen: Hier entstehen produktionsbereite Gesamtlösungen aus Bearbeitungszentren, Werkzeugen, Spannvorrichtungen und Automation für medizintechnische Produkte.

Kompressoren: CHIRON garantiert sichere Luft
Das Geschäft mit der Luft beginnt in den frühen 1950er Jahren mit Einbaukompressoren für Lastwagen der französischen Armee und Daimler-Benz und ist zunächst nicht mehr als eine der vielen Antworten auf die Frage: Was können wir mit unseren begrenzten Produktionsmitteln herstellen? In Kompressoren und Druckluftgeräten erkennt CHIRON deutlich mehr Potenzial als in Reiseschreibmaschinen, Heuwendern, Autowaschanlagen, Huttrocknern und ähnlichen Exotika und baut das neue Geschäftsfeld systematisch aus. Das Sortiment reicht bald von Einbaukompressoren bis zu stationären Kompressoranlagen für unterschiedlichste Märkte. Zum Angebot gehören zum Beispiel der CHIRON-Luftikus 200, eine »Vielzweck-Kompressor-Anlage« für den Hausgebrauch, Pflanzenschutzgeräte und Farbspritzpistolen für Industrie und Handwerk. Hohe Leistung, kompakte Bauweise, beste Zugänglichkeit: Das sind nur einige Vorteile der Kompressoren, die über alle Produktsparten hinweg typisch CHIRON sind und in ähnlicher Form noch heute die Fertigungszentren der CHIRON Group vom Wettbewerb abgrenzen.

Ebenfalls typisch: die intensive Beschäftigung mit einem Thema. Mit jedem neuen Produkt, mit jedem Jahr kennen Entwicklung und Fertigung bei CHIRON ihren Maschinenpark immer besser. Sie wissen, an welchen Stellschrauben man drehen, wie man die Anlagen zur Metallbearbeitung so verbessern kann, dass hervorragende Qualität entsteht. So baut man sukzessive Know-how auf und konzentriert sich mehr und mehr auf die Herstellung von Kompressoren und Niederdruckgeräten.

Konzentration ist auch das Stichwort, das die Zeit nach Übernahme von CHIRON durch die Hoberg & Driesch GmbH 1957 prägt. Peter Hoberg und Toni Driesch erkennen die vertiefte Kompetenz im Maschinenbau, die hier über Jahrzehnte aufgebaut wurde: Fremdmaschinen passt man an die jeweiligen Fertigungsaufgaben an, baut sie um, erweitert ihre Funktionen. Die Techniker und Ingenieure in der Entwicklungsabteilung haben das nötige Fachwissen, sind innovativ und flexibel. In der Montage ist man bestens mit unterschiedlichen Bearbeitungsaufgaben vertraut. Diese Kräfte werden jetzt gebündelt, das Anwender-Know-how auf den Bau von Maschinen transferiert.

Neue Perspektive Werkzeugmaschinen
Bereits 1958 stellt CHIRON erste Vorschub-Einheiten zum Bearbeiten von Metall vor und entwickelt diese Einheiten im nächsten Schritt zu Sondermaschinen für die spanende Fertigung weiter. Aus dem Wissen um die spezifischen Anforderungen der Kunden – man war lange genug selbst Kunde der Maschinenhersteller – entsteht die perfekt passende individuelle Komplettlösung: Maschinenkomponenten, Vorrichtung, Werktische und Werkzeuge werden so kombiniert und aufeinander abgestimmt, dass sie präzise und effizient hohe Stückzahlen fertigen. Die erste Maschine – und erstes Modell der legendären Reihe 801 – geht an die Roland-Werke. Sie markiert den Beginn einer langen Reihe kundenspezifischer Bearbeitungseinheiten und, wenn man so will, den Beginn der Turnkey-Kompetenz von CHIRON und heute der CHIRON Group.

Vier Buchstaben, zwei Zahlen und viel mehr: 1973 präsentiert CHIRON die erste Eigenentwicklung, den CHIROMAT RB 32 NC. Und stellt damit erneut unter Beweis, wie früh man Potenziale erkennt und in praxisgerechte Lösungen überführt: Die 8-Spindel-Revolverbohrmaschine ist die erste Anlage am Markt mit einer numerischen Steuerung. Kurz darauf etabliert CHIRON die noch junge CNC-Technologie. Sie erlaubt ein deutlich schnelleres Bewegen von Achsen und Werkzeugen und ermöglicht Kunden damit eine rationellere Einzel- und Serienfertigung. Mit der RB 32 und den Folgemodellen positioniert sich CHIRON endgültig als Werkzeugmaschinenbauer, hat erneut erfolgreich den Wandel vollzogen.

Bearbeitungseinheiten, Bauelemente, Tischbohrmaschinen, Sondermaschinen, Fertigungszentren NC, Bearbeitungszentren: Eine Entwicklung führt zur anderen, mit jeder neuen Produktsparte, jeder Bearbeitungsaufgabe eines Kunden vertieft CHIRON das Know-how im Maschinenbau. Heute ermöglicht die CHIRON Group mit innovativen Produkten und Leistungen das präzise, produktive und flexible Bearbeiten in unterschiedlichsten Branchen. Und auch heute stärkt man die führende Position im Wettbewerb mit dem Besetzen neuer Kompetenzfelder und mit neuen Produkten, die die Fertigungsprozesse der Kunden voranbringen: Additive Manufacturing, digitale Systeme und Services.

Woher die Branchenkompetenz für Medizintechnik und Präzisionstechnik, für Maschinenbau oder Werkzeugherstellung kommt, erklärt sich aus dem Produktprogramm von damals bis heute. Doch auch bei Automotive gibt es interessante Verweise in die Vergangenheit:

Vom Trippelwagen zu Automotive
Der Rad-Montierhebel »Ruck-Zuck«, das »Pneumoskop« zur Kontrolle des Reifendrucks, Autowaschanlagen: Über Jahrzehnte bringt CHIRON eine Vielzahl an Produkten auf den Markt, die im weitesten Sinn mit Fahrzeugen zu tun haben. Auch in diesem Bereich ist man früh dran, mit dem Trippelwagen allerdings etwas zu früh: »Ich denke, Hans Trippel war mit einem schnellen, aber sparsamen Auto einfach seiner Zeit weit voraus«, bilanziert Erwin Liebermann, von 1944 bis 1992 bei CHIRON.

Der Trippel SK 10, den der Schwiegersohn des Geschäftsführers Fritz Kiehn Ende der 1940er Jahre entwickelte, sollte CHIRON einen fulminanten Erfolg am Markt und viele neue Arbeitsplätze bringen. Die Voraussetzungen dafür waren, mit 95 km/h Spitzengeschwindigkeit, gerade mal 3,2 l Benzin auf 100 km und sportlich-windschnittigem Design, gegeben. Doch der Erfolg blieb aus, Trippel fuhr am 8. Mai 1951 vom Werksgelände und hinterließ leuchtende Augen.

Und bei vielen Mitarbeitern den Wunsch, diese kurze Autoepoche auf andere Weise fortzuführen. Zum Beispiel mit Fertigungszentren zum Bearbeiten von Rädern. 1993 bringt CHIRON mit der WM 02 die erste »echte« Wheelmaschine auf den Markt, heute bietet die CHIRON Group Maschinen für Felgendurchmesser von 16 bis 26 Zoll, die 24/7 im Schnitt zwischen 250.000 und 350.000 Räder pro Jahr fertigen. Mit den Fertigungszentren der Baureihen 22, 25 und 28 lassen sich hoch effizient große und komplexe Teile für den Wachstumsmarkt E-Mobilität bearbeiten.